Die Imaginäre Manufaktur

Die Imaginäre Manufaktur

Kennst du »Die Imaginäre Manufaktur« (DIM) in Berlin-Kreuzberg? Hier fertigen behinderte Menschen wunderschöne Design- und Alltagsgegenstände an, die du im den Werkstätten angeschlossenen Ladencafé bewundern und natürlich auch kaufen kannst. Über dem Haus Nummer 26 in der Oranienstraße steht noch immer der alte Schriftzug »Städtische Blinden-Anstalt«, wo Blinde und Sehbehinderte in der »Bürsteneinzieherei« bereits seit 1928 Bürsten und Besen herstellten. Eine Arbeit, die seit Jahrzehnten als typisches »Blindenhandwerk« gilt.

Als 1998 die Designer Hermann Weizenegger und Oliver Vogt vom Berliner Designbüro Vogt + Weizenegger die Produkte entdeckten, waren sie begeistert von deren Schlichtheit und Qualität. Die beiden steckten ihre Köpfe mit den Machern der Berliner Blindenanstalt zusammen und »Die Imaginäre Manufaktur« war geboren. Die Idee dahinter ist ebenso einfach wie genial: Die Designer gestalteten neue Produkte, die in den Werkstätten von blinden und sehbehinderten Menschen hergestellt wurden. Heute trägt die Union Sozialer Einrichtungen (USE) »Die Imaginäre Manufaktur«. Den partizipativen Ansatz hat sie dabei konsequent fortgesetzt und weiterentwickelt und die Marke DIM seit 2012 neu belebt. Inzwischen haben über 70 internationale Designer exklusiv für die Manufaktur Entwürfe beigesteuert. Auf diese Weise entstand eine breit gefächerte Kollektion von außergewöhnlichen Manufakturwaren, die weit über Berlin und Deutschland hinaus für Aufsehen sorgen.

 

Modernes Design in historischer Bausubstanz:

Städtische Blinden-Anstalt - seit 1902 städtische Blindenschule und Blindenbeschäftigungsanstalt

Städtische Blinden-Anstalt – seit 1902 städtische Blindenschule und Blindenbeschäftigungsanstalt

 

Gruppenbild mit Damen vor der »Imaginären Manufaktur«

Gruppenbild mit Damen vor der »Imaginären Manufaktur«

 

Schönes Beispiel dafür, dass ich mich bei Gruppenbildern oft sogar unabsichtlich wegdrehe ...

Schönes Beispiel dafür, dass ich mich bei Gruppenbildern oft sogar unabsichtlich wegdrehe …*

 

Das Ladencafè:

Als → Anna mir erzählte, dass wir während unseres Bloggertreffens → »Zwischen Spree und Späti« in Berlin auch »Die Imaginäre Manufaktur« besuchen würden, war ich erst einmal baff. Was sollte ich mir unter einer »imaginären«, also nur in der Fantasie vorhandenen, Manufaktur vorstellen? Doch schnell fand ich heraus, dass die Manufaktur sehr real ist und vielen Menschen mit Behinderung oder psychischer Erkrankung ein tolles Arbeitsumfeld bietet. Wir durften nämlich einen ausgiebigen Blick in die Werkstätten werfen und sogar einige der Mitarbeiter kennenlernen. Frank Schönfeld und seine Kollegen haben sich sehr viel Zeit für uns genommen und während unseres interessanten Rundganges all unsere Fragen beantwortet.

ima|gi|när – nur in der Vorstellung vorhanden, nicht wirklich, nicht real

Schon beim Betreten des liebevoll gestalteten Ladencafés gerieten wir ins Schwärmen. Linker Hand lockt eine Theke mit frisch gebackenen Kuchen und Torten aus der hauseignen Patisserie, wo du auch allerlei Snacks sowie Kalt- und Heißgetränke bekommst. Rechts laden eine Bank und hübsche Stühle dazu ein, es sich an den Tischen des Cafés gemütlich zu machen. Glanzstück aber ist die über 100 Jahre alte Regalwand des Ladens, die den Manufakturwaren eine perfekte Bühne bietet. Sie steht ebenso wie der historische Gebäudekomplex selbst unter Denkmalschutz und ich bin sehr froh, dass sie vom Bombenhagel des Zweiten Weltkrieges ebenso verschont geblieben ist wie von der Schlacht um Berlin im Frühjahr 1945.

Im Ladenbereich findest du alles, was das designverliebte Herz begehrt: traditionell hergestellte Bürsten und Besen, pfiffige Utensilien für Küche und Wohnen, Buchbinderprodukte, Schmuck, Spielsachen, Töpferwaren und originelle Berlin-Souvenirs, die sich wohltuend von den in Asien produzierten Mitbringseln unterscheiden, die man in herkömmlichen Souvenirshops findet. Und über allem schwebt der himmlische Duft von Kaffee.

 

Impressionen aus dem Ladencafè:

Wundervolle Manufakturwaren, wohin das Auge auch blickt

Wundervolle Manufakturwaren, wohin das Auge auch blickt*

 

Schickes Schachtelsystem: DIMension

Schickes Schachtelsystem: DIMension**

 

Schmuck und Perlen aus Papier

Schmuck und Perlen aus Papier**

 

Diesen Ohrringen konnte ich nur schwer widerstehen (und Perdita gar nicht ...)

Diesen Ohrringen konnte ich nur schwer widerstehen (und → Perdita gar nicht …)

 

Ist dieser kuschelige Manta nicht niedlich?

Ist dieser kuschelige Manta nicht niedlich?*

 

Auch von hinten hübsch: der knuddelige Seestern

Auch von hinten hübsch: der knuddelige Seestern*

 

Zum Abschluss unseres Besuches gab es leckeren Kaffee und Kuchen

Zum Abschluss unseres Besuches gab es leckeren Kaffee und Kuchen

 

Die Töpferei:

Nach vielen, vielen »Ohs und Ahs« und noch mehr Fotos durften wir die Werkstätten besichtigen. Und was gab es da nicht alles zu sehen! Um die Töpferei, unsere erste Anlaufstelle zu erreichen, mussten wir über den selbst im Winter freundlichen Hinterhof gehen. Dabei fielen uns lustige »Fußspuren« auf, die Besuchern den Weg zu den Toiletten weisen. In der Töpferei wurden wir schon erwartet und erfuhren, dass hier Menschen arbeiten, die aufgrund ihrer psychischen Erkrankung auf dem traditionellen Arbeitsmarkt keine Chance haben, aber eine Vielzahl von Fähigkeiten aus ihrem früheren Erwerbsleben mitbringen. Wie talentiert diese Menschen sind, konnten wir auf den ersten Blick erkennen. Die schönen Tassen, Becher, Vasen und Figuren sprachen eine beredte Sprache von der Fantasie ihrer Schöpfer. Mir haben es vor allem die Gartenfiguren einer Künstlerin angetan, die ich gern einmal persönlich kennenlernen möchte.

Leider sind diese Figuren zu groß für meinen winzigen Stadtgarten. Daher regte ich an, diese liebenswerten Fantasiewesen in einer kleinere Version als Blumentopfstecker herzustellen. Falls die Künstlerin darauf Lust hat, findet sie in mir eine sichere Abnehmerin. Und ich kann mir gut vorstellen, dass auch andere Garten- und Naturliebhaber ihre Freude an solch außergewöhnlichen Blumentopfsteckern haben würden. Sollte sich also in dieser Richtung etwas tun, halte ich dich auf dem Laufenden.

 

Impressionen vom Innenhof und aus der Töpferei:

Im Sommer wird im Innenhof auch schon mal gefeiert

Im Sommer wird im Innenhof auch schon mal gefeiert

 

Ehrensache, dass wir die »Fußspuren« zum Anlass nahmen, weitere Fotos zu schießen

Ehrensache, dass wir die »Fußspuren« zum Anlass nahmen, weitere Fotos zu schießen*

 

Ein knuffiger Schnappschuss von Anna

Ein knuffiger Schnappschuss von Anna

 

Gute-Laune-Fische und Kugelschale mit Standfuß aus der Flechtmanufaktur

Gute-Laune-Fische und Kugelschale mit Standfuß aus der Flechtmanufaktur**

 

Mein absoluter Liebling war dieses steinbockgehörnte Echsenwesen

Mein absoluter Liebling war dieses steinbockgehörnte Echsenwesen

 

Auch das Treppenhaus ist von allerlei liebenswerten Gesellen aus der Töpferei bevölkert

Auch das Treppenhaus ist von allerlei liebenswerten Gesellen aus der Töpferei bevölkert

 

Die Buchbinderei:

Den Kopf voller Eindrücke und Gedanken ging es anschließend in die Buchbinderei. Dort roch es wunderbar nach Papier und wir konnten viele der Manufakturwaren in ihren einzelnen Entstehungsschritten betrachten. Außerdem fiel mir hier ein weiteres Charakteristikum der »Imaginären Manufaktur« besonders ins Auge: Die DIM-Produkte werden überwiegend aus regionalen Rohstoffen hergestellt. Dadurch ist der Material- und Energieverbrauch deutlich geringer als in der industriellen Produktion. Und nicht zuletzt tragen nur sinnvolle, langlebige Produkte das DIM-Label. Das heißt, es sind Waren, die man sowohl von ihrer Qualität als auch Sinnhaftigkeit häufig und über eine lange Zeit benutzen kann. Das ist genau mein Ding!

 

Impressionen aus der Buchbinderei:

Aus diesen edlen Papieren entstehen das Schachtelsystem DIMension,  edle Notizbücher, Stifthalter und viele andere schöne Dinge

Aus diesen edlen Papieren entstehen das Schachtelsystem DIMension, edle Notizbücher, Stifthalter und viele andere schöne Dinge

 

Die Idee zu diesen originellen Bleistiften entstand aus dem Wunsch heraus, auch noch aus dem kleinsten Papierschnipsel etwas Schönes zu gestalten

Die Idee zu diesen originellen Bleistiften entstand aus dem Wunsch heraus, auch noch aus dem kleinsten Papierschnipsel etwas Schönes und Nützliches zu gestalten**

 

Das pfiffige Stecksystem DIMension hat mein Herz im Sturm erobert

Das pfiffige Stecksystem DIMension hat mein Herz im Sturm erobert*

 

Die »Berliner Literaturblüten« kennst du schon vom Artikelbild

Die »Berliner Literaturblüten« kennst du schon vom Artikelbild**

 

Die Flechtmanufaktur:

In der Flechtmanufaktur wurden wir zu unserer Überraschung von einem flotten Herrn per Handkuss begrüßt. Herzallerliebst! Die Korbflechterei ist eine uralte Handwerkskunst, die fast ohne Werkzeuge auskommt, aber viel handwerkliches Geschick erfordert. Und sehr viel Geduld. Da konnte der Besuch einer Handvoll Bloggerinnen die Flechtwerkgestalter kaum aus der Ruhe bringen. Offen und freundlich wurden wir empfangen und durften dabei zusehen, wie althergebrachte Flechttechniken restaurierungsbedürftigen Möbelstücken ein neues Gesicht verliehen. Im Raum nebenan entstehen neue Korbwaren. Beides sehr spannend! Du kannst hier übrigens auch eigene Kreationen in Auftrag geben – von der Lampe über den Wäschekorb bis hin zum individuellen Osternest. Ganz günstig ist das nicht, aber auf jeden Fall seinen Preis wert. Denn in der Flechtmanufaktur wird auf Hochwertigkeit geachtet – beim Material und bei der Handwerkskunst.

 

Impressionen aus der Flechtmanufaktur:

Beispiele für traditionelle Flechttechniken

Beispiele für traditionelle Flechttechniken*

 

Ein fleißiger Mitarbeiter bei der Arbeit

Ein fleißiger Mitarbeiter bei der Arbeit*

 

Das Ausgangsmaterial für die Korbflechterei: Weidenruten mit unterschiedlicher Vorbehandlung

Das Ausgangsmaterial für die Korbflechterei: Weidenruten mit unterschiedlicher Vorbehandlung**

 

Hier entstand in Gemeinschaftsarbeit ein neuer Einkaufskorb

Hier entstand in Gemeinschaftsarbeit ein neuer Einkaufskorb*

 

Die Bürstenmanufaktur:

Zu guter Letzt ging es sozusagen an den Anfang. Nämlich in die Bürstenmanufaktur, wo »Die Imaginäre Manufaktur« ihren Ursprung hat. Wir sahen den Mitarbeitern über die Schultern und bekamen unglaubliche Dinge zu sehen: Bürsten in allen Formen, Farben und Größen für jeden nur denkbaren und undenkbaren Verwendungszweck. Die Kleiderbürste »Brandenburger Tor« zum Beispiel, die in verschiedenen Varianten zu haben ist. Den Körperpuderpinsel »Et voila« aus Buchenholz mit Porzellanfuß – Green Lifestyle pur! Oder Nagelbürsten, die auch wie ein Nagel aussehen. Nicht zu vergessen jede Menge Besen und Schrubber für Groß und Klein. Backpinsel. Staubwedel. Möbelpinsel. Davon war ich so begeistert, dass ich gleich einen für das Schneckenhaus gekauft habe. Anna hingegen konnte den bürstig-borstigen Eierbechern nicht widerstehen – garantiert ein Hingucker beim kommenden Osterfest! Ein schönes Mitbringsel ist sicherlich auch die Bürste in Form des berühmten des Berliner Bären. Und, und, und …

Ich könnte noch stundenlang weiterschwärmen. Denn die Bürstenkunstwerke – und das sind sie – haben mich zutiefst beeindruckt. Zurecht ist »Die Imaginäre Manufaktur« stolz darauf, in der Bürstenmanufaktur ein aussterbendes Handwerk zu pflegen. Heutzutage beherrschen leider nur noch sehr wenige Fachleute die Kunst des Bürsteneinziehens, die sehr viel Sorgfalt und Genauigkeit erfordert. Umso schöner finde ich es, dass in der Manufaktur Blinde und sehbehinderte Menschen die Chance haben, mit ihren »sehenden Händen« diese alte Handwerkskunst zu bewahren und sich zugleich ein großes Stück Eigenständigkeit zu erobern. Vorbildlich!

 

Impressionen aus der Bürstenmanufaktur:

Bürstenschild oder ein Schild aus Bürsten?

Bürstenschild oder ein Schild aus Bürsten?*

 

Nagelbürsten der etwas anderen Art

Nagelbürsten der etwas anderen Art …*

 

Sehr witzig finde ich auch diese Taschenbürste

Sehr witzig finde ich auch diese Taschenbürste

 

Das Brandenburger Tor in Bürstenform

Das Brandenburger Tor in Bürstenform**

 

Bananenschneckerls Resümee:

Unseren Besuch der »Imaginären Manufaktur« empfand ich als ungemein inspirierend. In den Werkstätten arbeiten behinderte und nichtbehinderte Menschen Hand in Hand – das ist gelebte Inklusion. Überdies werden sämtliche DIM-Produkte in den Werkstätten der USE gGmbH in Berlin und Brandenburg gefertigt. Regionaler geht es – zumindest für Berliner kaum. Aber auch ich als Münchnerin werde künftig öfter in der Manufaktur einkaufen, da die DIM-Produkte im Unterschied zu Massenartikeln im traditionellen Handwerk und überwiegend aus regionalen Rohstoffen hergestellt werden. Das ist ein willkommener Gegentrend zur Billigware aus Fernost und mir den einen oder anderen Euro mehr wert. Außerdem überzeugen DIM-Produkte durch ein stimmiges Zusammenspiel von Form, Material und Funktion. Mehr zeige ich dir in Kürze im »Unbagging« meiner Goodie Bag. Du darfst gespannt sein! Und nicht zuletzt steht »Die Imaginäre Manufaktur« für Nicht-Wegwerfprodukte, an denen man aufgrund ihrer hervorragenden Qualität und Sinnhaftigkeit lange Zeit Freude hat.

Nicht ohne Grund findest du die DIM-Produkte in vielen Museumsshops – und das nicht nur in Deutschland, sondern auch in New York, San Francisco, London und Tokio. Ich habe sogar munkeln hören, dass selbst Madonna in ihrem Pferdestall einige Besen aus der »Imaginären Manufaktur« in Gebrauch hat. Ob da was dran ist? Wundern würde es mich nicht!

Wenn du nun neugierig auf »Die Imaginäre Manufaktur« geworden bist, dann geh doch am besten selbst einmal ins Ladencafé in der Oranienstraße und genieße ein köstliches Stück Kuchen zu einer guten Tasse Kaffee. Oder stöbere durch den → Onlineshop. Es lohnt sich! Das reicht noch nicht? Dann husche hinüber zu DaWanda. Dort findest du DIM-Designprodukte in den Shops von → Josefines Kinder und der → Berliner Bürsten- und Flechtmanufaktur.

Wie findest du inklusive Projekte wie »Die Imaginäre Manufaktur«? Gibt es solche Werkstätten auch in deiner Stadt? Ich freue mich wie immer über deinen Kommentar!

XOXO

Sissi

[Artikelbild und alle *Fotos: Heike von → Pidufos Welt // **Fotos: Katrin von → Das Leben ist schön // Sämtliche übrigen Schnappschüsse und die Bildbearbeitung stammen von mir.]

Comments
4 Responses to “Die Imaginäre Manufaktur”
  1. Anna Möller sagt:

    Ich werde auf jeden Fall das eine oder andere Ostergeschenk dort kaufen!

  2. Perdita sagt:

    Selten habe ich etwas schöneres gesehen. Dass mich einmal Produkte aus einer “Blindenwerkstatt” überzeugen, war vor der Besichtigung für mich nicht denkbar.

    LG

    Perdita

Leave A Comment

ARCHIV

WER SCHREIBT HIER?

Sissi ist ein echter Workaholic und als Lifestyle Scout stets auf den Spuren der neuesten Trends unterwegs. Könnte sie es sich aussuchen, träfe man die Wahlmünchnerin allerdings mit den Füßen im Sand und dem Kopf in den Wolken - ihr Tablet immer in Reichweite. Als Autorin und Bloggerin liegen ihr die Themen gesunde Ernährung und Naturkosmetik besonders am Herzen. Schminktechnisch bleibt sie sich bei aller Liebe zu Trends seit Jahren treu. Ihr Markenzeichen: ein roter Lippenstift.

Ihr zur Seite steht ein erfahrenes Team von Autoren, die sich im Blog ebenfalls regelmäßig zu Wort melden. Schau am besten öfter mal bei uns vorbei!