Fische sind nicht digital

Fische sind nicht digital

Wie du sicher schon mitbekommen hast, bin ich Angler an der Würm im Stadtgebiet München, staatlich berufener Fischereiaufseher sowie geprüfter Ausbilder in Vorbereitungskursen zur staatlichen Fischerprüfung. Was auf den ersten Blick in dieser Anhäufung vielleicht ziemlich bombastisch klingt, bedeutet im Grunde nur eines: Ich liebe unsere heimische Fischwelt in der Würm. Wenn du nicht in Bayern lebst, kennst du unseren 39,5 Kilometer langen Fluss, nach dem die jüngste Eiszeit benannt wurde, vermutlich gar nicht. Was schade ist, denn die Würm schlängelt sich über eine Strecke von elf Kilometern sehr elegant durch den Münchner Westen, berührt dabei die alten Dorfkerne von Pasing, Pipping, Obermenzing, Untermenzing und Allach und hat die lokale wirtschaftliche und kulturhistorische Entwicklung entscheidend geprägt.

Was viele nicht wissen: »Unsere« Würm ist überdies der einzige Abfluss des Starnberger Sees, der bis zum Jahre 1962 sogar noch Würmsee hieß, und beginnt an dessen Nordosten bei Starnberg. Ihr Hauptarm mündet bei Dachau in die Amper, die wiederum bei Moosburg in die Isar mündet, während der Würmkanal über die Moosach zur Isar hin entwässert. Viele Anwohner nutzen die Ufer der Würm und die angrenzende Parkanlagen als Naherholungsgebiet. Du triffst hier Menschen aus allen Altersgruppen und Schichten: Die strickende Seniorin plaudert entspannt auf der Parkbank mit dem Banker über ihren letzten Urlaub in den Bergen, während auf der Wiese eine Familie in der Sonne ihr Picknick genießt. Junge Burschen trainieren ihre Fitness an den aufgestellten Sportgeräten und lassen sich dabei nicht ungern von gleichaltrigen Mädchen bewundern. Im Sommer planschen Kinder in den seichten Mulden der Würm, fragen mir Löcher über die in ihr lebenden Fische in den Bauch und bestehen nicht selten darauf, mir beim Mülleinsammeln zu helfen (davon gibt es leider immer noch zuviel) – natürlich müssen Mama und Papa dann auch ran!

 

Kinder lieben Fische!

Im Laufe der Jahre bin ich mit vielen Menschen am Ufer der Würm ins Gespräch gekommen. Über das Angeln, über das Leben am Fluss und die Tiere in und an der Würm. Dabei habe ich eines gelernt: Kinder lieben Fische! Das hat mich selbst überrascht. Schließlich sind Fische keine Kuscheltiere. Aber die Neugier der Kleinen auf die schuppigen Bewohner der Würm und ihre Lebensgewohnheiten ist ungeheuer groß. Aufgrund dieses Interesses, das auch bei den Erwachsenen auf Wiederhall stößt, haben wir am 13. September 2015 gemeinsam mit dem Ortsverband Allach-Untermenzing der Münchner Grünen ein Stadtteilfest unter dem Motto »Unsere Würm« veranstaltet. Mit großem Erfolg!

Den meisten Menschen blieb bis dahin verborgen, was unsere Würm so einzigartig macht – eine Tier und Pflanzenwelt, die nur wenige Menschen bewusst erleben. So spielt zum Beispiel die stark gefährdete Äsche als Jungtier in ihren Fluten nicht selten Fangamandl, während die selten gewordenen Gänsesäger sich als verliebte Pärchen zeigen, welche Flügel an Flügel im Wasser schwimmen. Meister Bockert, der Biber, hinterlässt an vielen Bäumen seine Spuren, und die Blauflügel-Prachtlibelle schwirrt den Menschen am Ufer der Würm um den Kopf und lädt zur Bewunderung ihres Tanzes ein. Das alles und noch viel mehr habe ich den Besuchern gezeigt. Aus ursprünglich geplanten zwei Würm-Wanderungen wurden vier, ich war überwältigt.

 

Ein Bock in Gärtnerkleidung:

Die Erfahrungen auf dem Stadtteilfest »Unsere Würm« und zahlreiche weitere Gespräche mit Familien führten dazu, dass ich mit Sissi die Idee entwickelte, am Ufer der Würm Schautafeln der hiesigen Tier- und Pflanzenwelt aufzustellen – ähnlich wie im Zoo. Nun kann ja nicht jeder Münchner Bürger einfach machen, was er will, alles muss seine Ordnung haben. Also reichten wir Ende Dezember 2015 (!) über die Grünen-Fraktion im Bezirksausschuss 23 (Allach-Untermenzing) einen entsprechenden Antrag ein. Dieser wurde einen Monat vor Ende der Bearbeitungsfrist am 15. Februar 2016 einstimmig angenommen. Die SZ und andere Münchner Tages- und Wochenzeitungen berichteten sogar darüber.

Geplant war ein Fisch- und Naturlehrpfad für Familien und Kinder und dessen Einbindung in eine Website mit ergänzenden Informationen, auf die via QR-Code zugegriffen werden kann. Sämtliche Planungen sind bis zur Reinzeichnung und digitalen Umsetzung der Website bereits abgeschlossen. Der ersehnte Lehrpfad, auf den sich im Raum Allach-Untermenzing bereits viele Anwohner freuen, könnte demnach bereits seit Frühling/Sommer 2016 existieren. Ein Signal für den regionalen Naturschutz und eine kindgerechte Wissensvermittlung an unserer schönen Würm, das sicher auch anderenorts aufgegriffen worden wäre. Leider dachten einige Münchner Stadtratsmitglieder bzw. -fraktionen nun offenbar, dass eine gute Idee »schon aus einer Verpflichtung heraus« (Stadtrat schlägt Bezirksausschuss) geklaut und bis ins unrealistisch Große aufgeblasen werden muss. Flugs bastelte man neue Konzepte, eines irrwitziger als das andere. Der billige Ideenklau durch die Stadtratsfraktionen der Union und SPD ist jedoch in meinen Augen ein Bock in Gärtnerkleidung. Denn so charmant die Idee einer GPS-basierten Lösung auch auf den ersten Augenblick scheinen mag, so unrealistisch ist diese auch.

 

Stadtteilpolitik kann so unlustig sein …

Angefangen beim Kostenfaktor der Umsetzung einer GPS-basierten App-Lösung, der bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag verlängerten Bearbeitungszeit, datenschutzrechtlichen Problemen und nicht zuletzt dem massiven Widerspruch von »Naturerlebnis« und »Wir haben die ganze Zeit das Handy in der Hand«, türmen sich die Aspekte, die den Anträgen von Rot und Schwarz komplett zuwiderlaufen. Die Fraktionen haben es also geschafft, eine Idee mit hohem ideellem Wert einfach so vom Tisch zu fegen und aus einem attraktiven Freizeitangebot für Familien in München einen lokalen Flughafen BER zu machen. Hätten die Fraktionen einen Hauch von Anstand und echtes Interesse an Naturschutz und dem Nutzen des Fisch- und Naturlehrpfades für die Bürger, wäre der Antrag der Grünen-Fraktion im BA23 einfach unterstützt und dann die Lösung auf andere Gewässer und Bezirke adaptiert worden – ohne Probleme, ohne nennenswerte Kosten und mit einer zeitnahen Umsetzung.

Nun sperrt sich auch noch das Gartenbaureferat gegen den ursprünglichen Antrag und wünscht sich eine einheitliche Lösung für ganz München, die aber aufgrund der Unterschiedlichkeit der Gewässer so überhaupt nicht möglich ist: Die Isar ist ein völlig anderes Gewässer als die Würm oder der Kleinhesseloher See. Wie will man den Wert für die Natur hochhalten und für die Problematik Tier-, Natur- und Gewässerschutz sensibilisieren, wenn man dem Bürger beinahe schon aufzwingt, das »Naturerlebnis« mit dem Handy in der Hand und via GPS-Lokation zu haben? Oder ihm einen Einheitsbrei vorsetzt, der keinerlei Rücksicht auf die lokalen Besonderheiten der Gewässer nimmt? Ich bin entsetzt über die Unkenntnis von Politik und Beamtentum. Hier wird nicht für, sondern bewusst gegen die Bürger im Münchner Westen gearbeitet.

 

Das sagt der Schokoschnegel:

Ich, wir alle, die sich für das Projekt Fisch- und Naturlehrpfad an der Würm stark gemacht haben, sind bitter enttäuscht. Das aktuell verfolgte Konzept, über eine auf dem Smartphone zu installierende App Informationen über die Würm und ihre Bewohner abzurufen, hat mit unserem ursprünglichen Antrag so gut wie nichts mehr zu tun. Denn Schautafeln laden zum Verweilen, Schauen, Staunen und Lernen ein. Kinder tauschen sich mit ihren Eltern aus, gemeinsam werden das Gewässer und seine Tier- und Pflanzenwelt erkundet. Das ist ein echtes Naturerlebnis! Stattdessen soll nun eine Art lexikalischer App entwickelt werden, was ganz sicher nicht kindgerecht ist. Fische sind nicht digital. Oder siehst du das anders?

Wollen wir Münchner Familien nicht lieber die Natur in Echtzeit erleben lassen? Videos, Fotos und Infotexte können gegebenenfalls ganz wunderbar mittels kostenloser QR-Codes abgerufen werden. So dies überhaupt nötig ist, denn die Natur selbst hält schon genug Informationen bereit – man muss nur hinsehen! Doch laut SPD und CSU im Münchner Stadtrat funktioniert Naturerleben scheinbar viel besser auf dem Handydisplay … Sollte Natur nicht Natur sein und auch ohne Mobiltelefon funktionieren? Und weshalb wollen die Stadtratsfraktionen Familien ausschließen, die sich dieses Datenvolumen gar nicht leisten können? Oder Kinder, die überhaupt kein Smartphone dabei haben – eben weil sie Kinder sind und lieber am und im Wasser herumtollen? Und wer hat überhaupt Platz für eine weitere App auf seinem Handy? Fragen über Fragen … Wer kennt die Antworten? Ich freue mich über deinen Kommentar!

XOXO

Markus

 

Comments
3 Responses to “Fische sind nicht digital”
  1. Hallo Markus,

    das war richtig und finde ich gut, weil die Sache echt nicht schön ist! 🙁

    LG Katrin

  2. Hallo Markus,

    ich finde es traurig, dass ein Naturerlebnis (Würm und Fischvielfalt) nur noch auf dem Handy zu bestaunen sein soll. Es heißt, die Jugend hängt zu viel am Smartphone, aber schauen wir doch mal, werden sie nicht dazu erzogen? Irgendwann weiß wohl keiner mehr, wie ein Fisch live aussieht und wie schön es ist, dass es die Würm gibt 🙁 … Schade eigentlich, weil Mutter Natur ist doch sehr wichtig für uns!

    LG und schönes WE

    Katrin

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Sissi ist ein echter Workaholic und als Lifestyle Scout stets auf den Spuren der neuesten Trends unterwegs. Könnte sie es sich aussuchen, träfe man die Wahlmünchnerin allerdings mit den Füßen im Sand und dem Kopf in den Wolken - ihr Tablet immer in Reichweite. Als Autorin und Bloggerin liegen ihr die Themen gesunde Ernährung und Naturkosmetik besonders am Herzen. Schminktechnisch bleibt sie sich bei aller Liebe zu Trends seit Jahren treu. Ihr Markenzeichen: ein roter Lippenstift.

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