Terror im Taschenquadratgarten

Terror im Taschenquadratgarten

Heute wage ich mich zur Abwechslung an eine fiktive Erzählung über meinen geliebten Taschenquadratgarten. Mit der Geschichte nehme ich an der fünften Clue Writing Challenge teil. Vorgegeben sind als Setting ein beliebiger Garten und fünf sogenannte Clues, also Wörter, die im Text vorkommen müssen: Trompete, Mischsalat, Wissen, Stein und Schreibtisch. Gar nicht so einfach, oder? Ich habe lange darüber gegrübelt, wie ich die fünf Wörter miteinander verbinden kann. Dann schoss mir plötzlich der letzte Satz in den Kopf. Alles andere ergab sich danach wie von selbst. So ist es ja oft im Leben. Beim Schreiben sowieso. Im Laufe der Woche stelle ich dir überdies auch das Buch vor, das verantwortlich für diese leicht morbide Geschichte ist: »Gärtnern mit quadratischen Beeten« von Hubert Fontaine.

 

Die wichtigsten Regeln für eine echte Clue-Writing-Geschichte:
  • Die bereitgestellten Clues müssen unbedingt wörtlich, nicht abgewandelt, im Text vorhanden sein.
  • Die Story muss zu mehr als zwei Dritteln an dem vorgegebenen Setting spielen.
  • Der Umfang einer Clue Writing Story beträgt mindestens 870 bis maximal 1 700 Wörter.
  • Die Textform (Genre, Erzählstil) sowie die sprachliche und inhaltliche Gestaltung der Werke können frei gewählt werden.

 

Terror im Taschenquadratgarten – die Story:

Der Garten schlief. Tau glitzerte auf der Wiese wie winzige silberne Seen im Morgenlicht. Auch Lisa schlummerte noch, den Kopf mit den Erdbeerlocken tief unter ihrem Kissen vergraben. Gestern war es beim Treffen ihrer Gruppe »Munich goes vegan« spät geworden. Im Schlaf ballte sie die Fäuste. Sicher hatte es wieder Streit gegeben. Lisa war in ihren Ansichten oft zu extrem. Bei Meinungsverschiedenheiten konnte sie stur sein wie ein Maulesel. Das brachte ihr – und ihm – immer wieder Ärger ein. Stefan schüttelte den Kopf, strampelte sich von der bunten Decke aus dem Dritte-Welt-Laden frei und kletterte langsam aus dem Bett. Er gähnte, streckte sich, furzte und ging mit tapsenden Schritten in die Küche. Die Terrakottafliesen fühlten sich angenehm kühl unter seinen nackten Fußsohlen an. Mit geübten Griffen brühte er sich einen Espresso auf, fütterte die Katzen und begab sich auf die Jagd nach Zucker für seinen Kaffee. Wie jeden Morgen schnupperten TomTom und Luna zunächst argwöhnisch an dem veganen Trockenfutter, bevor sie sich mit einem kehligen Maunzen, das deutlich ihren Unmut ausdrückte, über ihr Frühstück hermachten.

»Entschuldigt, ihr armen Kerlchen«, sagte Stefan. »Ich weiß, artgerecht ist das nicht. Aber Frauchen besteht nun einmal auf einem fleischfreien Haushalt.« Die Katzen blickten ihn vorwurfsvoll an. Stefan wandte sich ab und kramte im Vorratsregal weiter nach Zucker. Doch wie so oft in den letzten Wochen hatte Lisa keinen gekauft. Er entdeckte nur Erythrit, Xylit und Stevia – nicht einmal mehr Kokoszucker gönnte sie ihm. Dabei gab es doch wohl kaum etwas Veganeres als Zucker! Wütend schlug er mit der Faust auf die Arbeitsplatte aus Granit. Das half auch nichts. Nur die Hand tat ihm jetzt weh. Plötzlich fiel sein Auge auf die Dose mit selbst gebackenen Dinkelkeksen. Sie waren mit Reissirup gesüßt. Ja, das mochte gehen! Stefan schenkte sich eine Tasse Espresso ein, stippte einen der Kekse hinein und zutzelte genüsslich daran. »Aaah, schon besser …«, murmelte er. Eine anständige Leberkassemmel und eine Hoibe Bier wären ihm allerdings lieber gewesen.

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Nach dem spartanischen Mahl und einem kurzen Abstecher ins Bad eilte Stefan zurück ins Schlafzimmer. Leise, um Lisa bloß nicht aufzuwecken, schlüpfte er in seine abgeschnittene Sommerjeans von FairJean und das jadegrüne Freizeithemd aus ägyptischer Bio-Baumwolle. Fertig! Einen Augenblick später stand Stefan im Garten. Es war ein strahlender Sonntagmorgen im August, einer der schönsten des Jahres. Die Luft roch erdig und frisch. Sauber, kühl und unverbraucht, würzig von all den Blumen und Kräutern, die zwischen den Beerensträuchern wuchsen. Im klaren Morgenlicht spürte Stefan kurz tatsächlich so etwas wie Glück. Vielleicht sogar Hoffnung. Er wusste, dass der Tag anstrengend werden würde. Spätestens, wenn Lisa aufstand. Doch dieser Augenblick war etwas Besonderes: Jetzt war die Zeit der Freude und der Pflanzen. Stefan fühlte die Gegenwart des Gartens, als wäre er ein lebendiges, atmendes Geschöpf.

Stolz glitt sein Blick über die Taschenquadratbeete – zwölf an der Zahl. Vom Kräuterbeet über verschiedene Gemüse-, Salat- und Obstbeete bis hin zum Blumenbeet war alles vorhanden, was der urbane Gärtner sich nur wünschen konnte. Selbst an ein Wasserquadrat hatte Stefan gedacht. So konnte er kostbares Regenwasser auffangen und seine grünen Schützlinge damit gießen. Durch eine raffinierte Fruchtfolge war ihm dieses Jahr eine reiche Ernte gewiss. Wenn, ja wenn ihm die Insektenwelt keinen Strich durch die Rechnung machte. Die geflügelten und ungeflügelten Biester knabberten Löcher in Blätter, ließen Blüten verkümmern oder fraßen gar ganze Pflanzen kahl. Apfel- und Pflaumenwickler sorgten Jahr für Jahr dafür, dass in seinem Obst im wahrsten Wortsinne der Wurm steckte. Blattläuse saugten die Blattunterseiten, junge Triebe oder Triebspitzen ab – einige Arten taten sich auch an Blüten und Wurzeln gütlich. Drahtwürmer, Engerlinge sowie Rüsselkäfer- und Trauermückenlarven knabberten am Wurzelwerk, während diverse Schmetterlingsraupen über die Kohlblätter robbten und diese bis auf die Blattrippen abnagten. Am schlimmsten aber trieben es die Nacktschnecken. Kein zarter Setzling war vor ihnen sicher! Nach einem Sommergewitter konnten sie regelrecht zur Plage werden.

Kurz: Es herrschte Terror im Taschenquadratgarten. Gar zu gern hätte Stefan den Insekten den Krieg erklärt. Ihnen mit der einen oder anderen Chemiekeule den Garaus gemacht. Das ließ Lisa natürlich nicht zu. Sie erlaubte keine Insektizide. Alle Gartenschädlinge mussten mühsam von Hand eingesammelt und in einem Biotop wieder freigelassen werden. Als ob sie dort kein Unheil anrichten würden. Stefan seufzte. Nie hätte er diese verrückte Veganerin heiraten dürfen! Ja, Lisa war süß. Ihre sanften Rundungen ließen ihn stets an ein schönes Stück Kalbsfleisch denken. Ihre vollen Brüste erinnerten ihn an das Euter einer jungen Ziege. Und erst ihr Mund … Lisa sah so ganz anders aus als die dürren, blassen Ökotanten auf den veganen Messen und Tierschutzdemonstrationen, zu denen sie ihn immer schleppte. Jung und knackig. Saftig. Eine zum Anbeißen schöne Frau! Wenn sie ihn mit blitzenden Augen und Zähnen anlachte und dabei herausfordernd den Kopf in den Nacken warf, war es um ihn geschehen. Auch im Bett lief es zwischen ihnen fantastisch. Doch Lisas Lifestyle trieb ihn in den Wahnsinn. Dabei war er nicht etwa blindlings in sein Verderben gelaufen. Oh, nein! Es hatte Zeichen gegeben. Viele Zeichen. Schon ihr erstes Date entpuppte sich als Katastrophe. Stefan runzelte die Stirn. Schaudernd erinnerte er sich daran, wie Lisa beim Blick in die Speisekarte des Münchner Edelitalieners die Lippen zusammengepresst und ihre Augen sich zu schmalen Schlitzen verzogen hatten …

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»Was ist das bloß für ein unsägliches Lokal?«, fragte Lisa. »Hier stehen nur Tierleichenteile auf der Karte. Ekelhaft!« Wutschnaubend warf sie die Menükarte auf den Tisch, stieß polternd ihren Stuhl um und zog den widerstrebenden Stefan energisch hinter sich her. In der Tram überschüttete sie ihn mit Vorwürfen. Erst, als sie am Tisch eines angesagten veganen Restaurants in Schwabing saßen und ihren frisch gepressten Weizengrassaft schlürften, beruhigte sich Lisa wieder. Vorbei war es mit krustig gebratenem Schweinsbraten mit Semmelknödeln, saurem Lüngerl oder Weißwürst! Sogar vom Steckerlfisch musste er Abschied nehmen, »denn Fische haben auch Gefühle«, wie Lisa Stefan belehrte. Fortan bestimmten Tofubratlinge mit Eutersekretalternative, Sojasteaks und Lupinenschnitzel sein Leben. Und jeden Tag servierte Lisa dazu Salate. Blattsalate in allen Formen und Farben. Mal mit, mal ohne diese verflixten Hülsenfrüchte, von denen er immer so fürchterlich furzen musste. Aber er hatte durchgehalten. Er hatte durchgehalten!

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Die scheppernden Klänge einer Trompete rissen Stefan zurück in die Gegenwart. Er strich sich mit der Hand über das Gesicht und schüttelte sich dann. Wie sehr verfluchte er den Tag, als Lisa den Katalog für Blasinstrumente auf seinem Schreibtisch entdeckte! Er hatte seinem Vater zum 70. Geburtstag ein neues Waldhorn schenken wollen. Sein altes Horn hatte schon zu viele Schützenfeste gesehen, war auf zu vielen Trachtenumzügen gespielt worden. »Zu teuer«, entschied Lisa jedoch. »Der alte Mann macht es eh nicht mehr lange.« Stattdessen bestellte sie für sich eine Trompete, eine Yamaha YTR-8335 G02. Stolze 2 389 Euro durfte Stefan dafür hinblättern. Wenigstens war der Versand inklusive. Seitdem übte Lisa jeden Sonntag darauf. Zwei Stunden lang. Mindestens. Leider, ohne dabei jemals nennenswerte Fortschritte zu machen. Zu schade nur, dass die Misstöne, die sie dem gequälten Instrument entlockte, die Insekten nicht vertrieben. Diese waren offenbar unverwüstlich. Ewig, wie das Universum selbst. Waren Insekten eigentlich taub? Stefan wusste es nicht und zuckte die Schultern. Zeit, sich wieder dem Garten zuzuwenden.

In dem Wissen, dass Lisa noch eine ganze Weile beschäftigt sein würde, kauerte Stefan sich nieder. Er wog die schwere, satt glänzende Erde in seiner Hand, fühlte ihre Textur und ließ sie behutsam durch die Finger rieseln. Es hatte sich gelohnt, den Pferdemist von Bauer Huber einzuarbeiten. Zwar stank es im Gurkenbeet nun wie im Vorhof zur Hölle, aber da lebte Stefan ohnehin schon und die Gurken gediehen prächtig. Ein sanftes Rascheln in den Blättern warnte ihn, gefolgt von einem Zirpen. Ein Geräusch, das in dieser Umgebung eigentlich ganz natürlich war. Aber es klang irgendwie … falsch. Bedrohlich. Stefan fuhr auf und glaubte, am Rande seines Gesichtsfelds einen grünen Schatten über die Gurkenblätter huschen zu sehen. Einen großen Schatten. Nachdenklich rieb er sich mit dem Finger an der Nase. Fielen jetzt etwa auch noch die Heuschrecken über seinen Taschenquadratgarten her? Das konnte nicht sein. Durfte nicht sein!

Wieder stach ein Zirpen in Stefans Ohren. Dann noch eines. Und noch eines. Fast wie ein beißendes Heuschreckenzähneknirschen, das sich schwirrend und knarrend unter die Kakofonie der Trompetentöne mischte. Immer mehr grüne Schatten eilten auf leisen Chitinsohlen über seine Gurken. Schillernde Facettenaugen starrten ihn an. Schienen ihn aufzufordern, das Feld zu räumen und den Taschenquadratgarten den Heuschrecken zu überlassen. Mit bebenden Händen griff Stefan nach einem großen Stein, um diese biblische Plage zu zerschmettern. Doch anstelle der Heuschrecken erwischte er zwei Nacktschnecken, die wie überreife Bananen unter dem Stein zerplatzten.

Spielerisch steckte Stefan eine der Schnecken in den Mund und kaute. »Hmmm … Gar nicht mal so übel«, sagte er und griff nach der nächsten. »Warum nur bin ich nicht früher auf diese Idee gekommen? Ob auch die anderen Viecherl so gut schmecken?« Versuchsweise griff er nach einem Käfer und biss ihn entzwei. Knackend zerbrach der Panzer auf seiner Zunge und enthüllte sein staubtrockenes, bitteres Inneres. »Bäh!« Enttäuscht schnipste Stefan die andere Käferhälfte in die Hecke. Dann fiel sein Blick auf eine schöne fette Raupe … »Schon besser!«, grunzte er und schmatzte zufrieden. Dann gruben sich seine Finger tief in die Erde, wühlten den Boden auf und griffen gierig nach einem dicken Regenwurm. Auch dieser landete in Stefans Magen. Stunden später streichelte er zufrieden über seinen schwellenden Bauch. Verträumt sann er über die nun vor ihm liegenden Möglichkeiten nach. Stefan hasste Mischsalat.

 

Bananenschneckerls Resümee:

Sämtliche Handlungen, Charaktere und Dialoge in dieser Kurzgeschichte sind rein fiktiv und entspringen meiner kranken Fantasie. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen und/oder ihren Handlungen sind schon deshalb zufällig, da unter vergleichbaren Umständen in der Realität Lisa und Stefan nie geheiratet hätten. Oder vielleicht doch? Ich lege Wert auf die Feststellung, dass Stefan (oder wer immer mir als Vorlage diente – oder eben auch nicht) zu keinem Zeitpunkt von einer Heuschrecke bedroht, verletzt oder misshandelt wurde. Wenn dir das Lesen dieser Geschichte ebenso viel Spaß gemacht hat wie mir das Schreiben, freue ich mich wie immer über deinen Kommentar!

XOXO

Sissi

[Transparenz: Diese Kurzgeschichte ist ein Beitrag zur → fünften Clue Writing Challenge. Bis zum 10. September 2017 kannst auch du noch daran teilnehmen. Ich wünsche dir viel Erfolg!]

Comments
4 Responses to “Terror im Taschenquadratgarten”
  1. Hey, ich mag den Titel! Und selbstverständlich auch die Geschichte, liebe Grüße Jenny

  2. Hallo Sissi,

    gut geschrieben 😉 warum schreibst Du nicht wieder ein Buch?! Der Kollege ganz oben (Heuschrecke) könnte mal Zähne putzen 😀 … Danke für Deine tolle Geschichte!

    LG und schönen Tag

    Katrin

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