Buch der Seelen - Bild: Astryd_MAD/Pixabay

Buch der Seelen

Es war eine kalte, schlaflose Nacht, als ich erstmals bewusst in den Kopf von Jack Ketchum eintauchte. Auf dem Bildschirm flimmerte »Jack Ketchum’s Evil« (Originaltitel: The Girl Next Door). Mit schreckgeweiteten Augen starrte ich auf die bewegten Bilder. Wollte wegschalten. Konnte es nicht. Ich reagierte so, wie viele Menschen angesichts eines Verkehrsunfalls reagieren: Entsetzt. Fassungslos. Und dennoch unfähig, sich vom Unfallort zu entfernen. Ein böses Verhalten. Schändlich. Aber böse und schändlich waren auch die Szenen, die sich vor meinen Augen abspielten. Das Schlimmste an der Verfilmung des Romans »Evil« von Jack Ketchum: Das Buch basiert auf einer wahren Begebenheit. Und damit auch der Film.

»Jack Ketchum zählt seit vielen Jahren zu den wichtigsten Horrorschriftstellern. Sein Roman ›Evil‹ gilt als Klassiker, doch er hat viele ebenso bewegende Werke geschrieben.«

(Jury des Bram Stoker Lifetime Achievement Awards)

Noch in derselben Nacht recherchierte ich die Fakten und erfuhr, dass »Evil« die Geschichte des Martyriums der sechzehnjährigen Sylvia Likens erzählt, die 1965 von einer Pflegefamilie in Indiana in deren Keller zu Tode gefoltert wurde. Zwar weicht die Schilderung durch Jack Ketchum an vielen Stellen stark vom echten Fall ab, ist aber immer noch verstörend genug, das Wort »Menschlichkeit« zu hinterfragen. Am nächsten Tag kaufte ich mir die Taschenbuchausgabe von »Evil«. Normalerweise verschlinge ich Horrorthriller in einem Rutsch. Diesmal aber musste ich den Roman immer wieder beiseite legen, da er nicht zuletzt durch die vom Autor gewählte Ich-Form extrem intensiv und fast unerträglich zu lesen ist.

Soweit zur Vorgeschichte meiner heutigen Buchvorstellung. Seit meinem ersten Kontakt mit der Welt von Jack Ketchum habe ich viele seiner Werke gelesen. Nicht alle, aber die meisten. Ehrensache also, dass ich unbedingt auch sein »Buch der Seelen – 4 Stories« lesen wollte, das im Mai letzten Jahres im Heyne Verlag in der Reihe Heyne Hardcore als »eBook Only« erschienen ist. Vier autobiografische Erzählungen sind darin versammelt – ich erhoffte mir durch die Lektüre ähnlich tiefe Einblicke in das (Seelen-)Leben des Autors, wie ich sie beim Lesen von Stephen Kings »Das Leben und das Schreiben« gewonnen hatte. Ob sich diese Hoffnung erfüllte, verrate ich dir in meinem Fazit. Jetzt aber erst einmal zum Buch!

 

Das sagt der Verlag über das Buch:

Jack Ketchums Romane zählen zu den absoluten Meisterwerken der Horrorliteratur. Stephen King nennt ihn den »furchteinflößendsten Autor Amerikas«. »Buch der Seelen« versammelt vier autobiografische Stories, die ihn von einer anderen Seite zeigen. Hier erzählt Ketchum die Geschichten, die ihn und seine Arbeit geprägt haben: vom Zusammentreffen mit seinem großen literarischen Vorbild Henry Miller, über einen aus der Bahn geratenden Freund, bis hin zu den Terroranschlägen vom 11. September. Ungeschönt, ehrlich, aber mit derselben Wucht und sprachlichen Präzision, die Werke wie »Evil« oder »Wahnsinn« zu Klassikern des Genres machten. Dies ist die Sorte Buch, die das Fenster zu einer Seele öffnet. Treten Sie ein Stück näher. Werfen Sie einen Blick hinein.

»Buch der Seelen« erscheint exklusiv als eBook Only. Es enthält vier autobiografische Kurzgeschichten: »Henry Miller und der Schubs«, »Der Staub des Himmels«, »Erinnerung an ein gefährliches Leben« und »Eine Lücke im Himmel«, mit einer Gesamtlänge von rund 80 Seiten.

 

Der Autor:

Jack Ketchum ist das Pseudonym des ehemaligen Schauspielers, Lehrers, Literaturagenten und Holzverkäufers Dallas Mayr. Er gilt heute als einer der absoluten Meister des Horror-Genres. Im Jahre 2011 wurde er zum Grand Master der World Horror Convention ernannt. Er erhielt fünf Mal den Bram Stoker Award sowie 2015 den Lifetime Achievement Award der Horror Writers Association.

 

Was darfst du vom Buch erwarten?

Im »Buch der Seelen« nimmt Jack Ketchum uns in vier herzerschütternden autobiografischen Erzählungen mit auf eine Reise durch die Zeit, durch sein Leben. Während ich ihn in »Henry Miller und der Schubs« glühend um die Begegnung mit seinem Idol beneide, verstehe ich in »Der Staub des Himmels« plötzlich, wieso der Autor so gelassen über den Wahnsinn schreiben kann, ohne ihm selbst anheimzufallen: Er ist ihm in seinem Jugendfreund Kenneth bereits begegnet – von Angesicht zu Angesicht. Ebenso wie der gnadenlosen Selbstzerstörung einer Freundin in »Erinnerung an ein gefährliches Leben«. Was lerne ich daraus? Zwischen Wahnsinn und geistiger Gesundheit existiert nur eine schmale Grenze, nicht dicker als der Nylonfaden einer Angelschnur … In »Eine Lücke im Himmel« schließlich teilt Jack Ketchum seine Gedanken über 9/11 mit uns. Jenen Tag, der unser aller Leben für immer verändern sollte. Und zeigt sich dabei überraschend versöhnlich, erkennt »selbst in dunkelster Nacht noch einen Funken Hoffnung«. Vielleicht genau das, was wir in Deutschland nach den jüngsten Ereignissen ebenfalls brauchen: einen Funken Hoffnung.

 

Buch der Seelen von Jack Ketchum - Bild: Heyne Harcore

 

Buchinformationen:

Format: Kindle Edition
Dateigröße: 741 KB
Seitenzahl der Print-Ausgabe: 68 Seiten
Verlag: Heyne Verlag
Erscheinungsdatum: 24. Mai 2016
Sprache: Deutsch
ASIN: B019ILADWQ
ISBN-13: 978-3-641-11430-5
Preis: 0,99 Euro

 

Bananenschneckerls Resümee:

Ich glaube, ich bin verliebt! Auf eine platonische, unerotische und doch aufgeregte Weise. Bereits nach wenigen Zeilen des »Buches der Seelen« zog Jack Ketchum mich tiefer in seinen Bann als je zuvor. Oder um es frei nach Henry Miller zu sagen: »Er ist mir so nahe wie meine eigene Haut.« Wird der Autor damit zu meinem Freund? Das sicher nicht. Schade eigentlich. Aber ganz sicher fühle ich mich ihm seelenverwandt. Natürlich ist Jack Ketchum einer der begnadetsten Autoren unserer Zeit, während in mir nur ab und zu ein Fünkchen künstlerischer Begabung aufblitzt. Und dennoch … An einem anderen Ort, zu einer anderen Zeit wären wir vielleicht gute Freunde geworden.

Wie dem auch sei: Alle in den vier Erzählungen geschilderten Erfahrungen haben Jack Ketchum deutlich sichtbar geprägt, ihn zu dem Menschen und Autor gemacht, der er heute ist. Sein Schreibstil ist wie gewohnt knapp, schnörkellos und pointiert. Und zugleich ein Einblick in die zeitgenössische Geschichte aus sehr persönlicher Sicht. Inhaltlich werde ich an dieser Stelle nicht spoilern. Wer neugierig ist, kann sich das E-Book für 99 Cent bitte selbst gönnen! Vor allem Nachwuchsautoren sollten die Geschichte »Henry Miller und der Schubs« unbedingt gelesen haben, bevor sie sich das nächste Mal an den Rechner klemmen.

Wie gefallen dir autobiografische Erzählungen wie das »Buch der Seelen – 4 Stories« von Jack Ketchum? Findest du es ebenso spannend wie ich, Einblicke in das Leben eines Autors zu erhalten? Ich freue mich wie immer über deinen Kommentar!

XOXO

Sissi

[Transparenz: Das E-Book »Buch der Seelen – 4 Stories« wurde uns als kostenloses Rezensionsexemplar vom → Heyne Verlag zur Verfügung gestellt.]

Comments
2 Responses to “Buch der Seelen”
  1. Hallo Sissi,

    normal sind diese Bücher oder das Genre nicht so meins, aber das Buch klingt dennoch interessant und ich kann gut verstehen, dass du so verliebt darin bist, weil ich weiß du magst solche Bücher 🙂 Klasse rübergebracht!

    LG Katrin

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