Je suis au Biergarten - Bild: privat

Je suis au Biergarten!

München am Tag nach dem Amoklauf. Hinter uns liegt eine schwere Nacht. Zehn Tote, 35 Verletzte, Hunderte von zutiefst traumatisierten Menschen – eine Stadt im Ausnahmezustand. Meine Stadt. Die brutale, menschenverachtende Schießerei im Olympia-Einkaufszentrum (OEZ) hatte ganz München erfasst. Das schlimmste Ereignis seit dem Oktoberfestattentat 1980. Doch das war vor der vollständigen Digitalisierung unserer Welt. Diesmal erlebten wir alle in Echtzeit, wie eine komplette Stadt innerhalb von Minuten hermetisch abgeriegelt wurde. In den sozialen Netzwerken brodelte die Gerüchteküche, kochte über. Fotos und Videos vom Tatort verbreiteten sich wie ein Lauffeuer. Verschwörungstheorien blühten auf wie giftige Blumen. Hubschrauber kreisten über unseren Köpfen. Kurz: Es war die schlimmste Nacht, die ich je in München erlebt habe. Und dabei gilt meine Wahlheimat als sicherste Großstadt der Welt.

Das klingt paradox angesichts der gewalttätigen Ereignisse. Die Bilder Im Fernsehen sprechen eine beredte Sprache, machen klar, dass wir Münchner uns gestern »wie im Krieg« gefühlt haben. Ich stehe immer noch unter Schock, fühle mich seelisch verkatert. Und bin überglücklich, dass ich gestern spontan meine Nachmittagspläne geändert habe. Denn eigentlich hätte ich im OEZ sein sollen, um mir Gläser für meine neue Sonnenbrille anfertigen zu lassen. Der perfekte Tag für einen Einkaufsbummel: Der Schokoschnegel wurde von seinem Chef aufgrund einer Sommergrippe früher nach Hause geschickt, das Wetter war eher durchwachsen und ich hatte ausnahmsweise ein bisserl Zeit. Zum Glück kam es anders.

Meine Meinung habe ich aufgrund von Unterleibskrämpfen geändert. Wie banal, oder? Ein Zwacken im Bauch entschied vielleicht über Leben und Tod. So richtig fit fühlte ich mich nicht, also blieb ich daheim, wollte dann heute ins OEZ gehen. Normalerweise besuche ich ohnehin lieber die Pasing Arcaden, obwohl das OEZ nur knapp zwölf Autominuten von mir entfernt liegt. Aber wenn es um meine Brillen geht, bevorzuge ich den Fielmann im OEZ. Das Olympia-Einkaufszentrum ist ein 1972 eröffnetes Einkaufszentrum im Münchner Stadtteil Moosach. Es gilt als eines der größten Einkaufszentren Bayerns. Tagtäglich kaufen dort Tausende von Menschen ein. Im Moment weiß ich nicht, ob ich je wieder dorthin möchte. Zu deutlich haben sich die gestrigen Bilder in meine Netzhaut eingebrannt. Doch fangen wir am Anfang an.

 

Die Chronologie der Ereignisse aus meiner Perspektive:

17:00 Uhr:
Ich beschließe, das OEZ nicht zu besuchen und mich lieber in den Garten zu setzen, um noch ein wenig zu bloggen.

17:30 Uhr:
Der Schokoschnegel erwacht aus seinem Schnupfenschlaf und möchte in die Apotheke gehen, um sich Emser Nasenspülsalz zu besorgen. Auf dem Weg will er dann gleich noch ein paar Einkäufe erledigen, um den Kühlschrank mit frischem Obst und Gemüse aufzufüllen.

ca. 18:00 Uhr:
Ein Hubschrauber fliegt über den Garten, doch ich schenke ihm keine Beachtung, da dies nicht neu für mich ist: Wenn beispielsweise ein demenzkranker Bewohner eines der nahe gelegenen Altenheime vermisst wird, sind Hubschrauber bei uns quasi an der Tagesordnung. Kein Grund zur Besorgnis. Denke ich.

18:10 Uhr:
Der Schokoschnegel verlässt das Haus.

18:33 Uhr:
Mein Handy brummt. Der Schokoschnegel schickt mir via WhatsApp kommentarlos einen Link zur → Münchner tz. Sekunden später plöppt die Nachricht auf: »Ich drehe um. Info von X.: Im Moment gilt bis zu uns alles als gefährdet. Hier im Bereich ist auch alles voller Ziviler Einsatzgruppen.« Himmel, hilf!

18:34 Uhr:
X. ist ein Freund von uns und eine zuverlässige Quelle. Dennoch bin ich irritiert und schicke nur drei Fragezeichen zurück. Der Schokoschnegel antwortet: »Attentat im OEZ. Vermutlich gab es mehrere Tote. Die Seite der Münchner Abendzeitung war zwischenzeitlich down. Ein Mann hat mitten im OEZ das Feuer eröffnet.« Ich bin fassungslos. Kann nicht glauben, was ich da lese. Will es nicht glauben. Das OEZ ist gleich um die Ecke …

18:38 Uhr:
Neue Nachrichten vom Schokoschnegel: »N24 hat es live. Zumindest auf Facebook. SEK macht sich gerade fertig.« Hallo, was passiert hier? Ein weiterer Hubschrauber überfliegt den Garten. Oder ist es derselbe von vorhin? Nervös rufe ich Facebook auf. Die Seite lädt zu langsam. Ich wechsle zu Twitter. Seit der unseligen Sylvesternacht habe ich den → Account der Müncher Polizei abonniert. Entsetzt starre ich auf die Warnungen, die Umgebung um das OEZ zu meiden, die Straßen zu verlassen und in den Wohnungen zu bleiben. Ich schalte den Fernseher ein, höre Schüsse, schreiende Menschen, sehe die erste Leiche.

18:40 Uhr:
Der Schokoschnegel kommt zurück. Erleichtert atme ich auf und merke erst jetzt, wie angespannt ich bin. Mein Kopf schmerzt. Mir ist übel.

18:41 Uhr:
Ich informiere meine Eltern darüber, dass wir wohlauf sind. Anschließend beginne ich, nach Angehörigen und Freunden zu suchen, um zu erfahren, ob sie in Sicherheit sind. Der Schokoschnegel ruft seine Oma an, erreicht sie allerdings erst im zweiten Anlauf. Bange Minuten vergehen … Wir erfahren, dass sämtliche Zufahrtswege zum Einkaufszentrum abgeriegelt und Autofahrer konsequent umgeleitet werden. Nicht immer verlaufen alle Maßnahmen reibungslos, einige Mitbürger verhalten sich uneinsichtig und störrisch. Die Münchner Polizei bestätigt offiziell die Schießerei am OEZ.

ab 18:45 Uhr:
Wir zappen uns quer durch die Nachrichtenkanäle. Sind fassungslos. Unsere Telefone stehen nicht mehr still. Irgendwann zwischendurch teile ich auf unserer Seite auf Facebook eine → Eilmeldung von N24 und bitte darum, Ruhe zu bewahren und sich nicht in Verschwörungstheorien zu ergehen – das bringt uns nicht weiter. Die links und rechts aufplöppenden Mutmaßungen kotzen mich an. Ebenso das Gejammer, in was für einer schlechten Welt wir leben. Noch wissen wir nicht, was wirklich passiert ist. Bekannt ist nur: Im Olympia-Einkaufszentrum hat es eine Schießerei gegeben. Die Polizei ist mit einem Großaufgebot vor Ort. Das Gebiet wird großräumig abgeriegelt. Es soll Tote und Verletzte geben. Wer auf wen geschossen hat, ist noch unklar. Sich in wilden Spekulationen zu ergehen, ist in unseren Augen absolut schwachsinnig. Bevor wir nicht weitere Informationen bekommen, weigere ich mich vehement, an einen Terroranschlag zu glauben.

In sämtlichen sozialen Netzwerken → hetzen Afd-Politiker, Pegida-Anhänger und ähnlich gestörtes Geschmeiß gegen Merkels »tödliche Willkommenskultur« – ekelhaft! Und dumm: Wir wissen nicht, ob es sich um einen Terroranschlag der IS handelt. Ebenso gut könnte ein eifersüchtiger Schuhverkäufer durchgedreht sein. Vieles spricht dafür, auch wenn die Polizei selbst von einer »akuten Terrorlage« spricht. Vermutlich, um sich genau für diese zu wappnen, falls der schlimmstmögliche Ernstfall tatsächlich eingetreten ist. Wir sind beeindruckt davon, wie schnell Polizei und Rettungskräfte reagieren.

19:00 Uhr:
Die Lage ist unübersichtlich. Klar ist, dass dies kein herkömmlicher Polizeieinsatz ist. Wird München das neue Paris? Ich habe Angst. Erste Grüchte um Schießereien in der Innenstadt. Über dem Münchner Stadtzentrum kreist ein Polizeihubschrauber. Das Polizeiaufgebot am Stachus wird durch ein knappes Dutzend Mannschaftswagen verstärkt. Noch haben sich nicht all unsere Freunde gemeldet. Sind sie in Sicherheit? Geht es ihnen gut? Immer wieder bittet die Polizei darum, keine Fotos oder Videos von den polizeilichen Maßnahmen online zu stellen, um nicht die Täter zu unterstützen. Vergeblich – die Community kennt kein Halten mehr. Widerwärtig! Wir verfolgen weiter die Nachrichten.

19:51 Uhr:
Die Münchner Polizei verlautbart auf Facebook, dass drei verschiedene Personen mit Schusswaffen gemeldet wurden. Also doch ein Terroranschlag? Über die Zahl möglicher Opfer liegen nach wie vor keine gesicherten Kenntnisse vor. Wir erfahren nur, dass die Polizei mit allen verfügbaren Einsatzkräften vor Ort ist und von Spezialeinheiten, der Bundespolizei und benachbarten Präsidien unterstützt wird. Wir sollen öffentliche Plätze meiden. Ich denke an meine ehemaligen Kollegen vom BRK, mit denen ich jahrelang bei Großveranstaltungen wie der Wiesn ehrenamtlich unterwegs war, und ertappe mich dabei, wie ich bete, dass es ihnen gut geht. Gleichzeitig bedauere ich, dass ich daheim festsitze. Ich würde gern helfen, weiß aber nicht, wie. Es belastet mich, zur Untätigkeit verdammt zu sein.

20:03 Uhr:
Die Landeshauptstadt München meldet via → KATWARN per E-Mail: »Amoklage in München. Zu Ihrer Sicherheit Plätze und Straßen meiden; Täter flüchtig; Bahn und Busverkehr eingestellt; Radio und Fernseher einschalten; Zuhause bleiben.« Wieso erfolgen diese Warnungen erst jetzt? Die Bevölkerungswarnung trägt den Betreff »Sonderfall Warnstufe VIOLETT«.

Das System KATWARN zeigt ausschließlich offizielle Warninformationen zuständiger Behörden, Einrichtungen und Leitstellen wie der Münchner Polizei oder Feuerwehr. Ich habe den kostenlosen Service für offizielle Warninformationen ebenfalls seit der unseligen Silvesternacht 2015/2016 abonniert. Das System wurde von Fraunhofer FOKUS im Auftrag der öffentlichen Versicherer entwickelt und ist seit dem Jahre 2011 in Betrieb. Mit KATWARN erhältst du ergänzend zu Sirenen, Lautsprecheransagen oder Meldungen im Radio wichtige Warn- und Verhaltensinformationen. KATWARN sagt uns also nicht nur, dass es eine Gefahrensituation gibt, sondern auch wie wir uns im Ernstfall verhalten sollen. Der Absender einer Warnung ist im jeweiligen Warntext explizit ausgewiesen. Violett ist die höchste Warnstufe und bedeutet »Schwere Gefahr« – dememtsprechend beunruhigt waren wir. Mehr Informationen über KATWARN erhältst du im ausführlichen → Nutzerhandbuch.

20:35 Uhr:
Die Meldungen in den Medien und sozialen Netzwerken überschlagen sich, sind widersprüchlich. Bis auf eine Freundin und ihre Kinder haben wir inzwischen all unsere Lieben erreicht – zwei Stunden nach Beginn des Massakers im OEZ. Ich mache mir Sorgen um A., bin auf das Schlimmste gefasst. Ihre drei Ältesten sind in dem Alter, in dem man gemeinsam mit Freunden das OEZ aufsucht, um dort den Nachmittag zu verbummeln. Mein Magen grummelt. Erst am nächsten Morgen soll ich erfahren, dass ihnen nichts passiert ist. Meine Erleichterung in diesem Moment lässt sich nicht in Worte fassen.

Menschen wollen Schüsse an einer Tankstelle gehört haben. An einer U-Bahn-Station im sozialen Brennpunkt Hasenbergl gebe es eine Geiselnahme in einem Fitness-Center. Verrückt! Die Einsatzleitung der Polizei geht verantwortungsbewusst jedem einzelnen Hinweis aus der Bevölkerung nach. Doch durch solche Falschmeldungen wird wertvolle Manpower vom eigentlichen Schauplatz abgezogen. Zum Glück stellen sich sämtliche Meldungen über Schüsse in der Innenstadt schnell und ausnahmslos als falsch heraus. Die Bevölkerung ist in Panik. Fehlzündungen werden ebenso als Schüsse interpretiert wie Zivilbeamte mit Langwaffen als mutmaßliche Attentäter. Eine Stadt in Aufruhr.

ab 21:00 Uhr:
Wir versuchen, mit unseren Freunden in Kontakt zu bleiben und uns gleichzeitig via Fernsehen und Internet über die Entwicklungen am OEZ auf dem Laufenden zu halten. Dann, gegen Mitternacht, platzt mir der Arsch: Ein gewisser Dr. Maximilian Krah, seines Zeichens Rechtsanwalt aus Dresden, fanatischer Fremdenhasser und Christdemokrat, hetzt in den sozialen Medien und seinem mies aufgemachten Blog munter gegen Flüchtlinge, spricht von einem Terroranschlag, verwickelt sich mit demokatisch orientierten Twitter-Usern in immer absurdere Diskussionen, verbreitet bewusst Falschmeldungen und gibt den Flüchtlingen die Schuld an den Ereignissen im Olympia-Einkaufszentrum.

Ich lese ich sein ekelerregendes Statement auf Facebook und Twitter: »Ich bin in München. Das muss der Wendepunkt sein: Die Willkommenskultur ist tödlich.« Ich kann mich nicht mehr beherrschen. Normalerweise halte ich mich aus politischen Diskussionen im Internet heraus. Mir ist nur allzu bewusst, dass ich Menschen mit verqueren Gehirnwindungen nicht belehren kann. Doch meine Anspannung muss sich Luft machen. Also twittere ich: »@KrahMax: Schön. Sie sind in München. Und, was wollen Sie uns damit sagen? Eingeladen hat Sie keiner.« Leider ist die Zeichenzahl auf Twitter begrenzt. Also jage ich sofort folgende Zeilen hinterher: »@KrahMax: Und Rechtspopulismus ist das Letzte, was meine Heimatstadt heute Nacht braucht.« Mir ist übel angesichts seiner neonazistischen Propaganda.

Bezeichnenderweise hat Herr Dr. Krah nicht nur meine, sondern auch alle anderen Reaktionen auf sein braun-schwarzes Geblubber in seinem Twitter-Profil gelöscht. Ganz offensichtlich scheut er – wie so viele seiner neonazistischen Gesinnungsgenossen – die offene und ehrliche politische Auseinandersetzung mit Menschen, die es besser wissen. Was für ein Weichei! Wenn ich an meine Überzeugungen glaube, kann ich dafür auch einstehen und muss damit leben, dass Andersdenkende auf Konfrontationskurs gehen. Aber das schafft diese traurige Karikatur eines Möchtegernpolitikers nicht. Gut so! Denn Menschen wie ich werden es nicht zulassen, dass sich solch ein wahnwitziges politisches Experiment wie das »Tausendjährige Reich« wiederholt. Dazu lebe ich viel zu gern in einer multikulturellen Gesellschaft.

ab 01:30 Uhr:
Erst um 01:48 Uhr meldet die Landeshauptstadt München: »Die Warnung (Sonderfall) ist aufgehoben.« Wir sind erleichtert. Dennoch sitzen Schock, Trauer und Entsetzen tief. Uns ist bewusst, dass diese Stadt niemals mehr sein wird, was sie einmal war. Und dennoch sind wir auch ein bisserl stolz auf unser München und seine Bewohner, die breitwillig ihre Türen geöffnet haben, um Verirrten Obdach zu gewähren. Schließlich wurden nicht nur der Hauptbahnhof und die U-Bahnstation am OEZ evakuiert, sondern in ganz München ging buchstäblich nichts mehr. S-Bahn, U-Bahn, Tram, Bus, Taxis … – nichts fuhr mehr.

03:30 Uhr:
Wir sind immer noch aufgewühlt, gehen aber erschöpft ins Bett.

 

Die Fakten:

Im Zeitraum von 17:50 Uhr bis Mitternacht trafen 4 310 Notrufe im Zusammenhang mit den Ereignissen in der Einsatzzentrale der Münchner Polizei ein. An normalen Tagen sind es gerade mal ein Viertel so viel. Jeder einzelnen Meldung wurde umgehend nachgegangen.

Erschreckend: Der 18-jährige Täter David S. soll laut Aussagen von Robert Heimberger, Chef des Landeskriminalamtes Bayern, einen Facebook-Account gehackt und hierüber explizit in ein Schnellrestaurant im OEZ eingeladen haben. Dort wolle er den Gästen alles spendieren, was sie sich wünschen. Eine perfide Methode, um die Anzahl seiner Opfer zu erhöhen. Das spricht für Planung. Doch wie passen Planung und ein Amoklauf zusammen? ich verstehe das nicht.

Die Münchner Staatsanwaltschaft spricht von einem »klassischen Amoklauf«. Ich sehe das nicht so: David S. trug eine Pistole der Marke Glock 17 und besaß keine waffenrechtliche Erlaubnis. Wie kommt ein 18-jähriger an solch eine Waffe? Unbemerkt von Eltern, Freunden und Bekannten? Bis jetzt ist das Tatmotiv des 18-jährigen Deutsch-Iraners noch vollkomen unklar. Doch eines steht fest: Wer plant, ist kein Amokläufer, festgestellte psychische Probleme hin oder her. Als Amok (von malaiisch: amuk »wütend«, »rasend«) wird ein psychischer Ausnahmezustand mit blindwütig zerstörerischem Verhalten einer Person bezeichnet, die plötzlich (sic!) und willkürlich Personen lebensgefährlich angreift oder tötet, oft mehrere in einer Kette von Gewalttaten. David S. aber hat seine Tat offensichtlich von langer Hand geplant.

Alle Toten stammen aus München und Umgebung. Touristen befanden sich nicht darunter. Viele der Opfer waren minderjährig, darunter unter anderem zwei 15-jährige und drei 14-jährige. Ein 12-jähriger ist schwer verletzt. Entsetzlich! Getötet wurden alle Opfer im Schnellrestaurant, auf der Straße vor dem Lokal sowie im Einkaufszentrum selbst. Drei der Opfer sind türkischer, drei kosovarischer Abstammung. So viel dazu, dass demokratiefeindliche Hetzer wie Dr. Maximilian Krah von einer »tödlichen Willkommenskultur« sprechen …

Gestern war der fünfte Jahrestag zweier zusammenhängender Anschläge des Norwegers Anders Behring Breivik gegen norwegische Regierungsangestellte in Oslo sowie gegen Jugendliche in einem Feriencamp auf der norwegischen Insel Utøya, denen 77 Menschen zum Opfer fielen. Aktuell gehen die Ermittler von einem Zusammenhang mit dem Attentat des Norwegers Breivik aus. Das gibt zu denken … Nicht zuletzt auch, weil die ermittelnden Behörden nach der Durchsuchung der Wohnung des Täters von einem Amok-Hintergrund ausgehen. Scheinbar hat David S. das Thema Amok fasziniert. Was geht im Kopf eines jungen Menschen vor, der sich mit solch blutrünstigen Taten beschäftigt? In dem Alter sollte er seinen Führerschein machen, einen Beruf anstreben, an den Wochenenden mit Freunden feiern, verliebt sein. Eine Glock will nicht so recht in dieses Bild passen. Woher stammt die Waffe? Woher die Munition? Über 300 Schuss kauft man schließlich nicht am Kiosk nebenan.

Wie schon angemerkt, soll der Täter eine depressive Erkrankung gehabt haben. Solche Meldungen mag ich nicht. Schüren sie doch die Vorurteile, dass jeder, der unter Depressionen oder unter einer anderen psychischen Erkrankung leidet, zum amoklaufenden Täter werden kann. Gefährliche Gedanken. Festzuhalten bleibt: Es gibt keinerlei Hinweise auf einen politischen und/oder islamistischen Hintergrund. Auch das Flüchtlingsthema hat mit den schrecklichen Vorkommnissen nichts zu tun. Dafür bin ich sehr dankbar.

Wir blicken auf einen jungen Menschen, der das Leben von neun anderen Menschen und dann sein eigenes vorzeitig brutal beendet hat. Mutmaßungen und Spekulationen über das »Warum« sind müßig und Aufgabe der Ermittlungsarbeit der Polizei. Ich vertraue darauf, dass diese sämtliche Hintergrundinformationen vollständig ans Licht bringen und uns informieren wird.

 

Bananenschneckerls Resümee:

Meine Gedanken sind bei allen Verletzten und den Angehörigen der Mordopfer. Ich trauere mit ihnen um ihre Toten. Obwohl ich nicht religiös bin, werde ich heute Nacht für jede einzelne Seele ein Teelicht entzünden. Es wird lange dauern, bis wir uns in München von den traumatisierenden Ereignissen erholt haben. Mein Dank gilt unserer bayerischen Polizei, welche zügig, souverän und professionell reagiert hat, ebeno wie den Rettungskräften, welche die zahlreichen Verletzten schnellstmöglich aus der Gefahrenzone gerettet und hervorragend medizinisch versorgt haben.

Auch die kompetente Öffentlichkeitsarbeit – allen voran das Twitter-Team der Münchner Polizei und Polizeisprecher Marcus da Gloria Martins – hat einen großen Teil dazu beigetragen, dass ich mich während der gesamten Ereignisse relativ sicher und beschützt gefühlt habe. Es mag absurd klingen, doch ich weiß jetzt, dass die Behörden im schlimmstdenkbaren Ernstfall in der Lage sind, die Bevölkerung zu schützen. Angesichts der weltweiten Bedrohungslage ist es wichtig zu wissen, dass die Millionenstadt München bestens vorbereitet und die Münchner Polizei in der Lage ist, auch einer (möglichen) Terrorgefahr so gelassen wie möglich ins Auge zu blicken. Meine persönliche Hoffnung ist, dass potenzielle Terroristen nach den gestrigen Ereignissen begriffen haben, dass München eine Stadt ist, mit der sie sich besser nicht anlegen sollten. Das zeigt auch die Solidarität in der Bevölkerung unter dem Hashtag #offenetueren.

Für mich selbst habe ich aus den gestrigen Ereignissen zwei Erkenntnisse gewonnen. 1. weiß ich nun wieder ganz genau, wem ich etwas bedeute und wer mir etwas bedeutet. Es gibt viel zu viele Menschen, die ich liebe und denen ich das nicht oft genug sage. Und 2. weiß ich nun, wieder, dass wir es uns trotz aller Terrorangst nicht nehmen lassen dürfen, unser Leben zu leben. Denn nur, wenn wir uns vor dem Leben fürchten, uns daheim einsperren, haben Angst und Terror gewonnen. In den vergangenen Monaten habe ich immer wieder gespürt, dass ich mich zuweilen nicht nur vor meinen Mitmenschen, sondern sogar vor dem eigenen Schatten fürchte. Das darf nicht sein. Und daher erkläre ich trotzig: Ich gehe vor die Tür und nehme auch weiterhin aktiv am Münchner Stadtleben teil. Je suis au Biergarten!

Wie hast du den gestrigen Abend in München erlebt? Ich freue mich wie immer über deinen Kommentar und wünsche dir einen ruhigen Samstagabend!

XOXO

Sissi

 

Comments
11 Responses to “Je suis au Biergarten!”
  1. Ihr Lieben,

    wir alle sind ratlos. Fühlen uns hilflos angesichts der Tat und der Trauer der Opfer. Beinah stündlich kommen neue Erkenntnisse ans Licht. Zu meinem Entsetzen hat heute Vormittag das Landeskriminalamt die Zahl der Verletzten auf 35 korrigiert, was ich in meinem Bericht entsprechend angepasst habe. Es wird sehr schwer werden, morgen wieder in den Alltag zurückzukehren.

    Ich wünsche uns allen eine friedliche Woche!

    XOXO

    Sissi

  2. Honey sagt:

    Mich macht das alles so unfassbar traurig. Ein junger Mann, der nicht weiß wohin mit sich und seinen Gefühlen. Danke für deinen Artikel. Für uns in Frankfurt ist es erstmal weit weg … Ich hab ihn mit Tränen gelesen. Machs gut, ich grüße dich!
    Claudia

  3. Eva Eppi sagt:

    Huhu Liebes, wo ich das gestern gehört habe war ich schockiert. Meine Gedanken haben sich überschlagen … Warum? Wieso? Weshalb? Die armen Menschen … In meinem Kopf ratterte es, gibt es jemanden den ich kenne oder der dort Urlaub macht, mir fiel dann ein dass du da wohnst und ich war drauf und dran dich anzuschreiben … Bei Facebook hab ich dann deine Meldung gesehen dass es euch geht. Jetzt gerade wo ich deinen Bericht gelesen habe wurde mir dezent schlecht, Gott sei dank war von euch keiner betroffen. Ich bin in Gedanken bei allen Menschen in München und hoffe das ihr alle schnell wieder in den Alltag findet. Viele gute Gedanken für euch alle!

    • Danke auch dir, liebe Eva, für deine Anteilnahme. Das Leben in München hat sich verändert. Gespräche über die gestrigen Ereignisse beherrschen auch jetzt – am späten Abend – immer noch die Tagesordnung. Kaum einer ist unter uns, der nicht jemanden kennt, der gestern vor Ort war – sei es als Passant im OEZ, als Polizist oder Sanitäter oder gar als Mutter eines der Verletzten.

      Wir sind immer noch zutiefst erschüttert und suchen wie du nach Antworten. Die Aufklärung der Hintergründe wird vermutlich Wochen in Anspruch nehmen.

      Wichtig ist jetzt, dass wir alle zusammenhalten und unsinnigen Spekulationen keinen Raum geben.

      XOXO

      Sissi

  4. Sabine Schneider sagt:

    Mit Tränen in den Augen, schwerem Herzen und HerzRasen hab ich deinen Bericht gelesen. Es macht alles sooo unendlich traurig.

    • Danke für deine Rückmeldung, liebe Sabine. Auch ich hatte beim Schreiben dieses Artikels immer wieder Tränen in den Augen und kann nach wie vor nicht fassen, was gestern passiert ist.

      WIr alle müssen Ausschau halten nach jungen Menschen wie David S. und ihnen zur Seite stehen, damit sich solche Ereignisse nicht wiederholen.

      XOXO

      Sissi

      • Sabine Schneider sagt:

        Tja leider sind das Einzelgänger die in der Masse und in der heutigen Zeit nicht auffallen. Erst dann wenn es zu spät ist.

        Meine Kinder haben Fragen über Fragen und ich nur ganz wenig Antworten……. Man ist so hilflos

        • Oje, das kann ich mir vorstellen. Es ist sicher unglaublich schwierig, den Kindern alles zu erklären – wir Erwachsenen verstehen ja selbst nicht, was da passiert ist.

          XOXO

          Sissi

          • Ilsa sagt:

            Liebe Sissi,

            dein „Augenfühlbericht“ hat mich zutiefst bewegt. Ich mag mir gar nicht vorstellen, wie ihr Münchner euch in dieser Nacht gefühlt haben müsst, von den Opfern ganz zu schweigen … Ich bin traurig, dass solche Dinge immer häufiger passieren und frage mich, wie ich meine Kinder vor solchen Tätern beschützen soll.

            Ratlose Grüße

            Ilsa

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Sissi ist ein echter Workaholic und als Lifestyle Scout stets auf den Spuren der neuesten Trends unterwegs. Könnte sie es sich aussuchen, träfe man die Wahlmünchnerin allerdings mit den Füßen im Sand und dem Kopf in den Wolken - ihr Tablet immer in Reichweite. Als Autorin und Bloggerin liegen ihr die Themen gesunde Ernährung und Naturkosmetik besonders am Herzen. Schminktechnisch bleibt sie sich bei aller Liebe zu Trends seit Jahren treu. Ihr Markenzeichen: ein roter Lippenstift.

Ihr zur Seite steht ein erfahrenes Team von Autoren, die sich im Blog ebenfalls regelmäßig zu Wort melden. Schau am besten öfter mal bei uns vorbei!