»Die vier Reiche - Die Legaten« von Patrick R. Ullrich - Bild: Patrick R. Ullrich

Dürfen Elfen Nazis küssen?

Nazis sind PFUI! Das weiß jeder. Und auch die lieben Elfen scheinen heute nicht mehr das zu sein, was sie noch zu J. R. R. Tolkiens Zeiten waren … Das zumindest wissen diejenigen unter uns, die irgendwann einmal die Quadrologie »Die Legenden der Albae« von Markus Heitz gelesen haben. So gesehen darf man die im Artikeltitel gestellte Frage also getrost mit »Ja« beantworten, oder? Schließlich ist mir doch egal, ob zwei Sorten Bösewichter der übelsten Sorte miteinander knutschen!

Ganz so einfach ist es aber nicht. Ist es ja nie. Denn als sich unser Team auf Facebook mit dieser Frage konfrontiert sah, wurde hier heftig und lautstark diskutiert: Darf solch eine Frage überhaupt gestellt werden? In Deutschland? Nicht nur angesichts unserer Vergangenheit, sondern auch mit Blick auf die aktuellen Ereignisse in Heidenau und an anderen ewiggestrigen Orten? Was steckt dahinter? Aha, ein Buch – wollen wir es lesen? Und so ging es munter noch eine Dreiviertelstunde weiter. Ihr seht: Zündstoff ohne Ende, und das, bevor wir auch nur eine Zeile aus »Die vier Reiche – Die Legaten« von Patrick R. Ullrich gelesen haben. Logisch, dass wir nach derart explosiven Gesprächen das Buch lesen mussten! Nach einigem Hin und Her wurde dann entschieden, dass ich die Rezension über »Die vier Reiche – Die Legaten« schreiben darf.

 

»Die vier Reiche - Die Legaten« von Patrick R. Ullrich (Zitat) - Bild: Patrick R. Ullrich

 

Patrick R. Ullrich über die Idee der Tetralogie »Die vier Reiche«:

»Können Helden aus der Welt der Fantasy auf Personen der realen Historie treffen? Können Fantasy-Elemente mit der Zeit des 3. Reiches verknüpft werden? Dürfen Elfen Nazis küssen? Und wenn ja, warum? So kurz diese finstere Episode der deutschen Geschichte auch war, so unübersichtlich viele Informationen in Form von Filmen, Tonaufnahmen, erhaltenen Akten und Befehlen, Gesprächsnotizen, Plänen und Tagebüchern gibt es darüber. Obwohl noch kein Menschheitsschrecknis so gut dokumentiert wurde wie die Zeit des Nationalsozialismus, bleiben viele Fragen offen. Seit meiner Schulzeit treiben mich diese um; und bis auf wenige Ausnahmen wurden sie nie beantwortet.

Wie konnten die Deutschen, konnte die ganze Welt, so lange getäuscht und geblendet werden? Wie kam es dazu, dass Hitler und die Nomenklatura des Dritten Reiches jahrelang vom Ausland hofiert wurden? Wie konnte der Führer des Deutschen Reiches mindestens 39 Attentate überleben? Selbst jetzt noch streiten sich die Historiker über bestimmte Ereignisse während des 2. Weltkrieges und eine Übereinkunft ist nicht in Sicht. Die Schlacht von Dünkirchen und der Flug Rudolf Heß' sind nur zwei von vielen Geschehnissen, über deren tatsächlichen Ablauf keine Einigkeit besteht.

Über all dem aber steht eine Frage: Warum folgten die Menschen Hitler? Denn sie taten es unbestritten in Scharen. Hätten sich Wesen, die über mehr und andere Fähigkeiten als der Mensch verfügen, aber unter weniger Schwächen leiden, im selben Maße verführen lassen? Wie hätte eine Begegnung zwischen den Völkern Tolkiens und dem Dritten Reich ausgesehen? Genau hier, mit diesen Fragezeichen, beginnen ›Die Vier Reiche‹.« (Quelle: → Amazon).

 

»Die vier Reiche – Die Legaten« (Cover) - Bild: Thule Verlag

Erschreckendes Cover …

 

Klappentext:

Die »Mission Herodes« ist gescheitert, Dietrichs Schläfer haben versagt. Das Kind mit dem Namen Moriane befindet sich nun in der Obhut Wenduuls von Thule und steht unter dem Schutz des Feuerbarts.

21 Jahre später ist aus dem Kind die Erzmagierin von Thule geworden- und aus dem erblindeten Gefreiten des 1. Weltkrieges der Führer des Deutschen Reiches. In den wenigen Jahren, seit Wenduul auszog, das Kind zu retten, hat Adolf Hitler nicht nur innenpolitisch einen beispiellosen Aufstieg erfahren, sondern auch die Grenzen Deutschlands erweitert, ohne dass ihm Einhalt geboten wurde – ganz wie Weisthor es prophezeit hatte.

Noch einmal greift der greise Wenduul, dessen Ende naht, mit all seiner Macht in die Geschicke ein. Wargrim, der Baumgeist, erwacht; und gemeinsam schicken sie die Botschafter der Vier Reiche auf eine Reise, die diese nicht nur zusammen-, sondern auch weiter wegführen wird, als sie es jemals für möglich gehalten hätten. Es ist die Stunde der Legaten (Quelle: → Amazon).

 

Buchinformation:

Format: Kindle Edition
Dateigröße: 2485 KB
Seitenzahl der Print-Ausgabe: 448 Seiten
Gleichzeitige Verwendung von Geräten: Keine Einschränkung
Verlag: Thule Verlag; Auflage: 1 (4. Februar 2015)
Verkauf durch: Amazon Media EU S.à r.l.
Sprache: Deutsch
ASIN: B00T74HNKK
Preis: 6,50 €
Trailer: → YouTube

 

Das sagt der Schokoschnegel:

Vorab ein paar Worte zum düsteren, grafisch in meinen Augen sehr gelungenen Cover: Lass dich von der abgebildeten Swastika bitte nicht abschrecken, das Buch zu lesen! Eine Swastika (Sanskrit m. स्वस्तिक svastika »Glücksbringer«) ist an sich nichts Verdammenswertes, sondern lediglich ein Kreuz mit vier abgewinkelten oder gebogenen Armen, das in unterschiedlichen Variationen seit über 6 000 Jahren in Europa und Asien, aber auch in Afrika und Mittelamerika mit verschiedenen Bedeutungen benutzt wird. Erst die Nationalsozialisten haben den ursprünglichen Glücksbringer zu einem Symbol des Bösen gemacht.

Ein Mitglied unseres Teams war äußerst verwundert darüber, dass die Abbildung eines Hakenkreuzes auf einem Buch überhaupt erlaubt ist. Nun, warum nicht? Zwar ist die politische Verwendung hakenkreuzförmiger Symbole zwangsläufig seit dem Jahre 1945 in Deutschland, Österreich sowie vielen weiteren Staaten verboten. Und das ist auch gut und richtig so! Doch in Deutschland ist eine Hakenkreuzdarstellung nach §86 Abs. 3 StGB immer dann zulässig, wenn sie …

»… der staatsbürgerlichen Aufklärung, der Abwehr verfassungswidriger Bestrebungen, der Kunst oder der Wissenschaft, der Forschung oder der Lehre, der Berichterstattung über Vorgänge des Zeitgeschehens oder der Geschichte oder ähnlichen Zwecken dient.«

Und Literatur ist Kunst.

Wenden wir uns nun, nachdem das geklärt ist, dem Buch selbst zu. Und damit auch der Frage, wie viel Kunst wir in Ullrichs Werk entdecken konnten. Unserem Team lag der zweite Band der »Reiche«-Tetralogie in der Kindle Edition vor. Das mag ich bei Fantasy eigentlich überhaupt nicht, denn das Genre ist dafür bekannt, Seite über Seite bis zur Ziegelsteingröße anzuschwellen – was sich auf dem Kindle wenig angenehm liest. Ullrich macht hier keine Ausnahme. Doch natürlich habe ich Verständnis dafür, dass es für Autor und Verlag zu kostenintensiv wäre, all die lesehungrigen Buchblogger mit gedruckten Rezensionsexemplaren zu bestücken.

Apropos Buchblogger:

Viele andere Rezensenten überschlagen sich in ihren Blogs vor lauter Lobhudeleien über »Die vier Reiche – Die Legaten« wie junge Hunde beim Ballspielen. Das sind dann bemerkenswerterweise genau die »Literaturkritiker«, welche mit Rechtschreibung, Grammatik und Zeichensetzung auf dem Kriegsfuß stehen und/oder Ullrichs Idee, deutsche Geschichte mit Fantasy zu verknüpfen, als »mehr als einmalig« bezeichnen. Da stellt sich mir doch spontan die Frage, wie viel literarische Kompetenz in den Köpfen solcher Rezensenten steckt … Zum einen ist die Verknüpfung zweier oder mehr Genres alles andere als neu. Zum anderen bedeutet »einmalig« schlicht »nur ein [einziges] Mal vorkommend« – wie kann da eine Buchidee »mehr als einmalig« sein?

Wie dem auch sei, ob neu oder nicht, eines ist Ullrichs Buch »Die Legaten« gewiss: unterhaltsam. Allzu hohe literarische Ansprüche darf man allerdings nicht stellen. Zwar schreibt der Autor überwiegend flüssig und spannend, verfällt aber hier und dort in verworrene Bandwurmsätze, denen ein konsequenteres Lektorat sicher ebenso wenig geschadet hätte wie einigen ungeschickten Formulierungen. Und natürlich bedient sich Ullrich großzügig bei sämtlichen Schablonen und Figuren, die nun einmal zu einer Fantasy-Saga zu gehören scheinen.

So trifft der Leser vor einer mittelalterlich anmutenden Kulisse auf Götter, Magie, Seelenreisen, Menschen, Zwerge, Elfen und Orks. Letztere reiten auf Worgen, von denen wir einen näher kennenlernen: Lupus. Echt jetzt? Zwerge dagegen reiten extrem ungern, trinken viel Bier und sind dickköpfig, während die Elfen – ach so zart, anmutig und wunderschön! – alle in ihren Bann ziehen. Wie es sich halt gehört. Beim Lesen konnte ich die Klischees förmlich knirschen hören …

Der Fairness halber muss aber gesagt werden, dass es nur wenige Fantasy-Autoren besser machen – einer der Gründe, warum ich dieses Genre jahrelang verschmäht und erst 2006 wieder damit begonnen habe, es zu lesen. Schneckerl sei Dank!

Die Charaktere selbst sind erfreulich liebevoll und vielschichtig gezeichnet. Insbesondere Terek Dor, Kriegsherr der orkischen Streitkräfte, erster Sohn der großen Orkmutter, Legat des Völkerbundes und Paladin der Elfenherrscherin, hat meine Zuneigung sofort im Sturm erobert, während andere Figuren ein wenig länger gebraucht haben, um sich in mein Herz zu schleichen. Ein Ort, an dem die überraschend selten im Buch auftauchenden Nationalsozialisten nichts zu suchen haben. Um nicht zu spoilern, sei zu diesen hirnwirren Menschen mit pathologischen Persönlichkeitsdefekten nur so viel gesagt: Himmler reißt im Jahre 1939 ein Loch in die Welt und schafft einen Übergang nach Thule. Nur gut, dass es sich hier um reine Fantasie handelt …

Enttäuschend finde ich, dass die vom Autor aufgeworfene Frage, ob uns (scheinbar) überlegene Wesen aus Thule sich vom Hitlerismus hätten verführen lassen, nicht beantwortet wird. Wobei sich noch hinzugesellt, dass seine schrägen und zum Teil absonderlichen Figuren zwar tatsächlich andere Fähigkeiten und Stärken besitzen, doch durchaus auch unsere Schwächen teilen: Eifersucht, Liebe, Hass, Rache, Angst und (religiöser) Fanatismus sind in Thule ebenso an der Tagesordnung wie in unserer menschlichen Welt. Hier hätte ich mir mehr Differenzierung gewünscht – und stattdessen liebend gern auf die allzu plastische Schilderung der geschlechtlichen Vereinigung der beiden Orks Juli und Trek verzichtet.

Meinen Hut muss ich vor Ullrichs Marketingstrategie ziehen: Mit seiner geschickten Streuung von Rezensionsexemplaren an buchbloggende »Literaturkritiker« und der intensiven Bewerbung seiner Bücher in den sozialen Medien hat er es geschafft, sich einen ansehnlichen Platz in der Genre-Rangliste bei Amazon zu erkämpfen. Chapeau!

 

Kurz und knapp:

Ullrichs Buch »Die vier Reiche – Die Legaten« kann man lesen, muss man aber nicht! Wer darauf verzichtet und nach wirklich fesselnd geschriebener Real History Fantasy zum Thema sucht, ist mit Timur Vermes' Roman »Er ist wieder da« wesentlich besser bedient. Kennst du die Tetralogie »Die vier Reiche« bereits? Was hältst du davon? Ich freue mich wie immer über deine Rückmeldungen und Kommentare!

XOXO

Markus

 

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Sissi ist ein echter Workaholic und als Lifestyle Scout stets auf den Spuren der neuesten Trends unterwegs. Könnte sie es sich aussuchen, träfe man die Wahlmünchnerin allerdings mit den Füßen im Sand und dem Kopf in den Wolken - ihr Tablet immer in Reichweite. Als Autorin und Bloggerin liegen ihr die Themen gesunde Ernährung und Naturkosmetik besonders am Herzen. Schminktechnisch bleibt sie sich bei aller Liebe zu Trends seit Jahren treu. Ihr Markenzeichen: ein roter Lippenstift.

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